Der Sippe stets auf der Spur

Darmst_dter_Echo_17.09.2012

Otto Adolf Scriba (98) ist hellwach im Geiste und im Herzen – vor allem, wenn es um seine Sippe geht.
Etwa hundert Mitglieder waren dieser Tage zu Besuch in Darmstadt für ein Großfamilientreffen im Alten Schalthaus, umgeben von einem generationen – undjahrhunderteumspannenden Stammbaum, der sich in Papierform die Wände entlang zog.
Daran gehörigen Anteil hat Otto-Adolf Scriba, der sich seit Jahrzehnten der Genealogie, also der Familiengeschichtsforschung, verschrieben hat und dies 32 Jahre lanf auch als Schriftführer der Scriba-Schreiber Sippe betrieb. Nun hat der einstige Pfarrer dieses Amt an einen jüngeren Familienspross, Karin Scriba aus Groß-Umstadt, Übergeben.

Generation 14, Nummer 30

Doch der Zeigefinger des Genealogen ist nach wie vor hyperaktiv, wenn er die Spuren seiner Familie nachzeichnet. ,,Hier”, sagt er, in seinem Wohnzimmer im Altenzentrum an der Rosenhöhe im Sessel. Er deutet auf eine Stelle des aufgeschlagenen Buches in seinem Schoß: ,,Da sind sie.” Mühelos gefunden hat er soeben unter der Angabe ,,Generation 14, Nummer 30″ den Mann von Karin, sie selbst, ihre Kinder und einen kurzen Lebenslauf.
,,Es weiß jeder, wo jeder ist”, sagt der Scriba-Senior. Das sei der Vorteil solch strukturierter Familiengeschichtsschreibung. Doch für ihn geht es dabei um mehr.
,,Mich interessiert das persönliche Schicksal der Familien.” Und so schreibt er bis heute jeden Tag ein bis zwei Briefe an Verwandte in aller Welt – allerdings mittlerweile auf dem Laptop. ,,Den meine Pfote ist nicht mehr sehr leserlic”, sagt er augenzwinkernd. Da nutzt ihm auch sein Name nichts – Scriba ist Latein und heißt ,,Schreiber”.
In seinem langen Leben hat Otto-Adolf Scriba Verwandte auf nahezu allen Kontinenten besucht. ,,Wir sind die größte Pfarrersfamilie der Welt”, wirft er ein – und bemerkt beiläufig, das auch die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen zum Scriba-Clan gehöre und er eines ihrer sieben Kinder getauft habe. Und das sie letztlich alle von Karl dem Großen abstammen. Aber das nur nebenbei, ,,Wer angibt hat mehr vom Leben”, frotzelt er und kichert.
In die USA, nach Südafrika, Frankreich oder Japan haben in Clan-Mitglieder geführt. In Frankreich heißen sie “De Scriba” und in Japan wird das ,,r” durch ein ,,l” ersetzt, weil das sonst keiner Aussprechen kann. Verbunden fühle man sich trotz aller Entfernungen dennoch, ,,Als dort in Japan das große Erdbeben war, habe ich sofort angerufen”, erzählt er. Und die Nachricht erhalten, dass es der Familie gut geht.
Inwiefern gibt es denn Ähnlichkeiten zu beobachten bei Mitgliedern der Sippe, die weit weg voneiander leben? Otto-Adolf Scriba denkt kurz nach. ,,Nase, Augen und Hände sind verschieden”, sagt der ehemalige DDR-Pfarrer, der nach erreichen des Ruhestands in den Westen ging. ,,Aber sobald man sich unterhält, stellt man eine gemeinsame Blickrichtung fest”. Und die habe viel mit dem christlichen Glauben zu tun.
Das Geben in der Tradition eine wichtige Rolle spielt, bekommt Otto-Adolf Scriba, seit sechs Jahren Witwer, immer wieder zu spüren. ,,Ich erhalte an Geburtstagen soviel Post, dass ich Wochen zum Beantworten brauche”, sagt er. Und beim Familientreffen erhielt er nun als Ehrengabe einen plüschigen Teddybär, den die Familie wortwitzelnt  ,,Scribär” getauft hatte. Der Achtundneuzigjährige hat ihn, allerdings später dem jüngsten Spross vermacht – ganz der Scriba-Tradition folgend, Famiiäres von Generation zu Generation weiterzugeben.